Was ist eigentlich krank?

''Es gibt so viele, viele Themen, die berichtenswert sind. Alkohol, Drogen, Schizophrenie, Demenzen, ach die Liste scheint endlos. Alle diese Themen haben etwas gemeinsam und das ist, dass sie als Krankheiten, beziehungsweise Störungen diagnostiziert werden können.''

 


Dieser Gedanke bewog mich dazu, ein paar Informationen zu den Themen Krankheit, Krankheitswert, Leid und Leidensdruck zusammen zu tragen. In den vorangegangenen Blog-Einträgen suchte ich immer wieder Definitionen zu allerlei Themen. Doch diese scheinbar banalen, aber immens wichtigen Begriffe habe ich noch nicht gewürdigt.


 

Bevor ich jedoch allerlei Definitionen und Beschreibungen befleißige, lohnt es sich zu erwähnen, dass im Jahr 2018 durchschnittlich jeder Arbeitnehmer in Deutschland 10,6 Krankheitstage zu verbuchen hatte.[1] Also ist Kranksein ein Umstand, der den meisten Menschen irgendwie bekannt ist. Fragt man allerdings danach, was denn eigentlich „krank“ ist, so kommt man schnell in Erklärungs- oder Definitionsnöte.

 

Anstatt jetzt gleich mit dem Thema Krankheit zu beginnen, möchte ich erstmal mit der Gesundheit anfangen. Sie streben wir schließlich an. Nehmen wir dazu die Definition aus der Satzung der WHO (World Health Organisation) stellen wir fest, dass Gesundheit gar nicht leicht zu erreichen ist: „Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity.“[2] Frei übersetzt bedeutet das „Gesundheit ist ein Zustand völligen körperlichen, mentalen und sozialen Wohlbefindens und nicht einfach nur die Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen.“ Sprich, wenn man sich mal mit dem Nachbar in der Wolle hat und einen das wirklich umtreibt, weil er mal wieder zu laut Rasen gemäht hat – und es geht einem sonst wirklich gut – dann ist man nach dieser strengen Definition nicht mehr gesund. Der soziale Aspekt ist ja grade abgemäht worden.

 

Einen solchen Status aber nun als nicht gesund oder gar krank einzustufen, erscheint mir wiederum nicht so sinnvoll. Der Arzt Georg Graf von Westphalen definiert Krankheit oder Erkrankung als „[…] eine Störung der normalen physischen oder psychischen Funktionen, die einen Grad erreicht, der die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden eines Lebewesens subjektiv oder objektiv wahrnehmbar negativ beeinflusst.[…]“[3] Also, wenn Körper oder Psyche dafür sorgen, dass man nicht mehr so viel Leistung bringen kann, oder -ganz wichtig – man sich im Wohlbefinden beeinträchtigt fühlt, so kann man zumindest von einer Befindlichkeitsstörung, oder eben von Krankheit ausgehen.

Um eine Krankheit dann medizinisch festzustellen, bedarf es der Diagnose, also der Aufnahme und Bewertung des aktuellen Ist-Zustandes. Dieser wird dann mit Kriterien in Diagnosemanualen wie beispielsweise dem im Bereich der Psychotherapie in Deutschland gebräuchlichen ICD-10 (International Classification of Deases, 10. Version) abgeglichen.

Je nachdem, wieviele Symptome mit dem Diagnosemanual zu einem möglicherweise zutreffenden Störungsbild übereinstimmen wird ein Krankheitswert bestimmt. Sehr wichtig ist hier aber, dass – in Anlehnung an die obige Definition - krank sein oder auch Krankheit eine teilweise subjektive Sache sein kann. Ein solcher Umstand ist nicht immer ausschließlich objektiv feststellbar.

 

Nun ist der eben genannte „Krankheitswert“ aber kein Wert, den man so auf einer vorgefertigten Skala festlegt. Wenngleich das teilweise echt angenehm wäre. Würde Arbeit sparen. Was macht aber nun diesen „Krankheitswert“ aus?

Die Übersetzung aus dem Englischen finde ich an dieser Stelle sehr aufschlussreich: „Disease quality“. Es geht also um die Qualität einer Krankheit, oder Befindlichkeitsstörung. Sprich, wenn etwas aus diagnostischer Sicht „nicht so schlimm“ (bewusst flapsig!) ist und der möglicherweise Erkrankte das ähnlich sieht, kann man von geringem Krankheitswert ausgehen. Schließlich fehlt ja objektiv und subjektiv nichts, oder kaum was.

Ist der Krankheitswert gering, so nimmt man auch keine Krankheit an. In diesem Internetz fand ich dazu folgende Definition: „Gesundheitliche Beschwerden, die keinen Krankheitswert haben, sind harmlos und müssen nicht behandelt werden.“[4]

 

Dieser Definition möchte ich nun aber aus meiner Tätigkeit als Heilpraktiker für Psychotherapie heraus doch widersprechen. Die Frage ob es sich um „etwas harmloses“ handelt muss ein Stück weit der Klient mitbestimmen. Wo wir wieder in der subjektiven Einschätzung wären. Vielleicht hält dieser den aktuellen Zustand für ganz und gar nicht harmlos, obwohl er objektiviert betrachtet gar nicht so relevant ist.

Vielleicht liegt im dargelegten Umstand ein nur geringer Krankheitswert, vielleicht ist dieser aber gekoppelt an einen Umstand mit tatsächlich hohem Krankheitswert. Und schon kommt eine weitere Variable ins Spiel: Die gegebenen Umstände. Sie variieren von Person zu Person und sind deshalb auch stets gesondert und mit Blick auf die Wahrnehmung des Klienten zu betrachten und zu berücksichtigen.

Beispiel: Ein Klient erzählt, dass er den Schlüssel für sein Fahrradschloss verloren habe. Okay, klingt erstmal noch nicht so dramatisch. Ist vielen Menschen schon passiert. Dann kauft man ein neues Schloss und gut. Ist halt ein bisschen ärgerlich, weil der Drahtesel noch immer am Bahnhof angekettet ist.

Wenn die Information natürlich nur so knapp bemessen ist lässt sich vermutlich nur geringes Leid und geringer Krankheitswert feststellen. Angenommen in der weiteren Anamnese und Diagnostik ergibt sich, dass der Klient aufgrund eines Zwanges ständig seine Schlüssel am Schlüsselbrett zählen muss. Und jetzt fehlt einer! Plötzlich wird aus dem kleinen verlorenen Schlüsselchen für das alte, verrostete Fahrradschloss ein Problem mit hohem Leidensdruck und gegebenem Krankheitswert.

 

Subjektive Einschätzung und die Gegebenheiten sind also ebenso wichtig, wie die Situation selbst und ändern eventuell alles.

 

Bei der, nun so viel genannten, subjektiven Wahrnehmung ist ein Begriff sehr wichtig: „Leid“. Wenn ein Umstand Leid auslöst, bei einer Person selbst oder bei beispielsweise einer ihr nahestehenden Person, so kann durchaus der Sinn zur Behandlung gegeben sein.

Der Duden definiert Leid nämlich als „tiefer seelischer Schmerz als Folge erfahrenen Unglücks“[5]. Halten wir uns an die von von Westphalens gegebene Definition, so haben wir damit ein wesentliches Kriterium erfüllt, um vom Status krank oder befindlichkeitsgestört ausgehen zu können.

Im psychischen Bereich muss dann in der Tat noch kein Zustand vorliegen, der Krankheitswert besitzt. Vielleicht stimmen einfach noch nicht genug Symptome mit einem Diagnosemanual überein. Hoffentlich ist das so! Hier ist nämlich dann die großartige Möglichkeit gegeben präventiv zu handeln und gemeinsam mit professioneller Hilfe eine möglicherweise drohende Erkrankung abzuwenden, bevor sie entsteht. Klingt ziemlich gut, wie ich finde.

 

Oftmals wird diese Chance aber verpasst. Nicht weil man nicht will, nichts ändern möchte oder keine Nachteile fürchtet. Nein, die Situation ist für den Einzelnen oder sein Umfeld einfach noch nicht schlimm genug. Oder man schämt sich halt einfach dafür Hilfe in Anspruch nehmen zu wollen. Man ist ja keine Weichflöte.

Die tatsächlich treibende Kraft hinter dem Aufsuchen von Therapie oder Beratung ist zumeist nämlich der Leidensdruck. Leidensdruck ist nichts anderes als „[…] negative Konsequenzen aus einem bestehenden Verhalten. Menschen sind oft erst dann zu einer Änderung ihres Verhaltens bereit, wenn die negativen Folgen dieses Verhaltens zu hoch werden. Leidensdruck ist deshalb eine wichtige Therapiemotivation zu Beginn des therapeutischen Prozesses.“[6]

Mir ist an dieser Stelle noch wichtig zu sagen, dass die Bereitschaft zur Veränderung nicht zwangsläufig auf eine Krankheit schließen lässt. Manchmal geht es halt einfach um Veränderung, weil die Zeit reif dafür ist. Also, keine Angst vor einer Änderung.

 

Nun soll es mir eine Freude sein, wenn Ihnen Leid, Krankheit und Leidensdruck erspart bleiben. Seien Sie darum gut zu sich und bleiben Sie in jeder Hinsicht gesund!

 

 

   

Herzlichst

Florian Schefenacker

 

[1] https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-2/krankenstand.html [Zugriff:02.08.2020 11:13]

[2] https://apps.who.int/gb/bd/PDF/bd47/EN/constitution-en.pdf [Zugriff 02.08.2020 11:12]

[3] https://flexikon.doccheck.com/de/Krankheit [Zugriff 02.08.2020 11:12]

[4] https://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Kein_Krankheitswert [Zugriff 02.08.2020 11:10]

[5] https://www.duden.de/rechtschreibung/Leid [Zugriff: 02.08.2020 11:09]

[6] https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/leidensdruck/8692 [Zugriff: 02.08.2020 11:05]

EB Sticky Cookie Notice

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Mögliche Zeitfenster ihres Termins

  • Dienstag 17:00 - 21:30
  • Mittwoch17:00 - 21:30
  • Donnerstag17:00 - 21:30
  • Freitag17:00 - 21:30
  • Samstag09:00 - 12:00

Adresse

Oberschönenfelder Straße 25
86199 Augsburg

TELEFON

0160 95544370

Email

info@praxis-schefenacker.de

Mitglied im VFP.

Mitgliedsnummer:
131738

 

 

Menu